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Fokussieren - Schwerpunkte erkennen und setzen


Auch wenn "eigentlich" alles wichtig ist - alles passt nicht in die Zeitpläne. Zentral für den Erfolg des Kurses ist die zielgruppengemäße Auswahl, Schwerpunktsetzung und Fokussierung. Dies betrifft sowohl die Auswahl von Texten, Aufgaben, Lexik und Grammatik, die im Kurs im Zentrum stehen soll, als auch die Auswahl der Bereiche, auf die "insistiert" wird, die in Korrekturen und Tests, in Hausaufgaben und Wiederholungen unumgänglich sind. Auch das Mikrokosmos der Fokussierungen - auf welche Fragen geht man wie (ausführlich) ein - muss zu den vorher getroffenen Entscheidungen passen.

Fokus auf "normalen Gesprächen"

- authentische "Texte" im Klassendiskurs bieten den Lernern Modelle für eigenes Gesprächsverhalten.

In mündlichen Unterrichtsphasen sind Rückmeldungen auf unklare Lerneräußerung seitens des Lehrers idealerweise keine präskriptiven Korrekturen ("das muss heißen ... / besser ... / ..."), sondern Rückfragen - erst anschließend gegebenenfalls Vorschläge. Offene Rückfragen, meist Bitten um Erkärung, sind dabei erste Wahl, z.B. "was meinst du mit ..." "wie meinst du das?" "ich verstehe nicht, was du sagen möchtest" "ich verstehe ... (Wort/Satzteil) nicht". Dabei muss dem Lerner deutlich gemacht werden, ob das Verstehensproblem phonetisch (mit)bedingt ist - falls dies der Fall ist, sagt man es also explizit dazu. Suggestive Rückfragen wie "meinst du vielleicht ..." oder "willst du sagen, dass ..."? können von Fall zu Fall natürlich auch sinnvoll sein, degenerieren aber leicht zu verkleideten präskriptiven Korrekturen. Letztere gehören nur in spezielle Sprechübungen, in welchen die inhaltliche Bedeutung des Gesagten in den Hintergrund tritt.

Ankerpunkte - vom Lehrer geplante Ansatzpunkte, auf die vielfältig weiter aufgebaut werden kann

Die Grundidee des "Ankerpunktes" lässt sich an den Wortbedeutungen von frequenten Lexemen am besten darstellen: Wenn ein Wort wie werden immer wieder auftaucht und das in scheinbar völlig disparaten Bedeutungen (Funktionen), dann stört das die Lerner. Legt man dafür aber als Lehrer frühzeitig einen tragfähigen Ankerpunkt (Grundbedeutung) an, so hilft es dem Lerner sehr, das Deutsche quasi "von innen" zu sehen: One word - one meaning. Grundbedeutung ist der Prozess, also wird zuerst sorgfältig mit "rot werden, krank werden, [Beruf] werden" usw. gearbeitet. Daran können sich Verwendung in Passivformen, Futur/Drohung und Spekulation anschließen, außerdem Idiomatisches wie "Wird schon werden" oder "Wird's bald!?".
Ankerpunkte können auch in größeren sprachichen Einheiten angelegt werden, z.B. bei syntaktischen Eigenheiten, bei "Skripten" für frequente Alltagssituationen usw. Einen kurzen Überblick über die verschiedenen Gebiete, auf denen sich dieses Erarbeiten von Ankerpunkten lohnt, finden Sie hier : Konzentrisch-bedeutungsorientiertes DaF.

Bsp. 1 Grundbedeutungen - Prototyp und Expansionen: Einzelne Wörter lassen sich genauso wie ganze Situationen auf Grundbedeutungen / Grundmuster zurückführen. Dies kann in vielen Fällen den Lernern Einsichten in Zusammenhänge vermitteln, die den Lernprozess fördern. Ein Beispiel an dem - scheinbar unscheinbaren - Wort " doch " soll zweierlei zeigen:

Bsp. 2 schwer zu übersetzen: schon-erst-noch: Kleine Wörter, die für jede Menge Verwirrung bei den Lernern sorgen, da sie für die meisten schwer zu fassen sind. Zusammen mit ihren Weiterführungen wie "noch nicht - nicht mehr" sind sie sehr frequent in der Alltagssprache und zumindest sie zu verstehen ist relevant für gelingende Kommunikation. Umso verwunderlicher, dass sie in Lehrmaterialien keine Rolle spielen. Hier ein Grundstock von zu klärenden Anwendungen - am besten v.a. bei organisatorischen Kursgesprächen - etwa "Ist X schon/noch/noch nicht/nicht mehr da?" "Das können Sie erst/schon/noch/nur morgen abgeben." usw.

Weitere, nicht-temporale Verwendungen kommen hinzu ("Wird schon klappen."), natürlich wieder mit Übergangsbereichen ("Gehen Sie schon mal vor."). Noch ist am ehesten von "noch etwas, noch einer" bekannt.
Betontes schon, das ein aber impliziert ("Ich will schon, aber ... "usw.) werden in dieser Richtung (von der Grundbedeutung her) leichter fasslich.

Ähnliche Übungen zum Einstieg ins Gebiet findet man mit ein wenig Glück noch in Lehrbüchern und Lernsoftware, weiterführende Übungen aber nicht mehr. Die Wirkung der Einstiegsübungen kann sich aber nicht entfalten,

Weiterführende Übungen: Übungsblätter müssen hier relativ viele Kontextangaben machen, um sinnvolle Aufgaben zu erzielen. Es müsste etwa heißen: Frau X beginnt normalerweise erst gegen 9 Uhr ihre Arbeit. Ein Kollege, dem das bekannt ist, schaut um halb 9 ins Büro und fragt "Ist Frau X ______ hier?" In diesem Stil braucht man relativ viel Text, um eine inhaltlich völlig belanglose Geschichte aufzubauen, in welcher die Lücken dann tatsächlich aus dem Kontext erschlossen werden können. Auch Drillübungen, in welchen z.B. zwischen nur und erst oder zwischen anderen Alternativen unterschieden werden muss, führen vielleicht zum Wissen, aber nicht zum Können.

Einfacher, zweckmäßiger und wirkungsvoller sind daher Übungen im Kursraum, wo der Kontext gegeben ist. Fragespiele wie "wie lange studierst du?" (schon drei Jahre / erst ein Jahr ...) "wie lange musst du noch studieren?" (nur noch ein Semester / noch drei Semester) machen u.a. deutlich, dass es zu nur hier kein Gegenwort gibt, wie dies bei schon-erst der Fall ist (wenn, dann wäre es etwas wie "ganze drei Semester").

 

Eine textgebundene Möglichkeit ist die Arbeit an literarischen Texten, in denen Zeitliches wichtig ist (nicht nur Krimis :-)), oder auch an Texten, die Reglements mit zeitliche Feinheiten (Deadlines ...) beinhalten. Auch hier wird für die Textarbeit natürlicherweise eine ganze Menge an Fragen und Antworten nötig, die unsere "Zielwörter" nutzen.

Bsp. 3 Zentrale Unterschiede von Anfang an fokussieren
(a) stehen - stellen

Fokussieren ist die Kunst, Dinge wegzulassen und dafür andere Dinge nicht nur nicht wegzulassen, sondern bis zum bitteren Ende durchzuziehen.

Für Letzteres eignen sich solche Bereiche, die umso schwieriger erlernbar werden, je später sie "richtig" behandelt werden, Dinge, um die auch bescheidene Lerner ohnhin nicht herumkommen, Dinge deren Defokussierung viele weitere Lernbereiche negativ beeinflussen würde. Dies alles trifft auf die scheinbar unwichtige Unterscheidung von Verbpaaren wie "stehen vs. stellen" oder "liegen vs. legen" zu. Was in diese Gruppe gehört, hängt u.a. auch maßgeblich von den Ausgangssprachen der Lerner ab.

(b)Begrüßung - warm-up - eigentliches Gespräch - Ausleitung - Abschied:
Die (kontrastiv oder deutsch-immanent) wichtigen Unterscheidungen sind im Bereich der Lexik sicher leichter nachvollziehbar als in der Pragmatik, aber gerade dort sehr nötig. Alltagsbeobachtungen der TN und genügend Unterrichtsmaterial für Textbeobachtungen im Kurs (diese Gesprächsphasen verlaufen situationsabhängig sehr verschieden) zielen nicht nur darauf ab, den TN Redemittel für bestimmte Situationen zur Verfügung zu stellen. Fast wichtiger ist es nämlich, dass ihnen als Gesprächsteilnehmer Sprechersignale für Phasenübergänge überhaupt auffallen und dass ihnen implizite Annahmen zu "guten" Gesprächsverläufen klar sind.

Bsp. 4 Kontext- u. Registereinflüsse:

beginnen - anfangen
Im Deutschen gibt es für vieles "Synonyme" - ihre Distribution in täglichen Gebrauch ist aber alles andere als zufällig. Durch die Hilfe, die bei Deutsch-nach-Englisch-Lernern leicht erkennbare Wörter wie "beginnen / enden" bedeutet, findet man diese häufig in Lehrbüchern für Anfänger als Ersatz für die alltäglicheren "anfangen / aufhören". Wenn man diese Brücke nutzt, sollte aber die zweite Wortgruppe von Anfang an mit eingebunden sein. Für Lerner mit hoher Sprachaufmerksamkeit genügen kleinere Hinweise, um ihre Sprachbeobachtungen fruchtbarer zu machen. (Nach der Besprechung ders Arbeitsblattes und der Durchführung der Übungen kommen stets Fragen zu ähnlichen Wortpaaren, die die Lerner selbst entdecken.)

Grundsätzliche Aufmerksamkeit für kleine Unterschiede (wegen des Nebels - wegen dem Nebel) mit dem Diktum abzuwürgen, dass eins falsch sei, oder dass beide gleich seien (weil es regnete - da es regnete) bedeutet Lernpotential (zer)stören. Die Tendenz der Deutschkurse, im Zweifelsfall immer die gewähltere Ausdrucksweise (alleine) zu forcieren, anstatt die Nuancen zu klären, also (oft lehrerabhängig) "Normen" durchsetzen, anstatt sie als solche mit ihren Varianten zu zeigen, gehört zum unausrottbaren Erbe traditioneller Sprach(kurs)auffassungen.

Instrumente, die dem Lehrer zum Fokussieren außerdem zur Verfügung stehen, bestehen in der Auswahl dessen, was er wiederholt und vertieft sowie die Auswahl dessen, was er wie korrigiert. (bald mehr dazu, sorry).