Grammatik
Lieblingsstichwort, zieht immer :-)
Grammatik (nicht nur) für "Nicht-Philologen" - kleine Reparaturvorschläge für drei besonders missliche Lehrschemata:
1. Satzstellung für Anfänger
Dass vor dem finiten Verb im Hauptsatz gewöhnlich ein Satzglied steht, ist eine einfache Grundregel, die v.a. für geschriebene Sprache gilt und anfangs ausreicht. Eine "Ausnahme" für Wörter in "Position Null" (gemeint sind gewöhnlich und, aber, oder, denn) ist völlig überflüssig. Denn ein Satzglied zeichnet sich dadurch aus, dass es mit Hilfe des Verbs erfragbar ist. Diese Wörter aber sind nicht satzgliedwertig, nicht erfragbar. Weiter geht die absurde und überflüssige Regel häufig damit, dass deshalb, trotzdem, dann u.a. einen "inversen" Hauptsatz oder Hauptsatz mit "Inversion" erforderten (das passiert teilweise in Verbindung mit ihrer Fehlkategorisierung als Konjunktionen). Dass diese Wörter aber ganz einfach satzgliedwertig sind, weshalb sie a. erfragbar und b. verschiebbar sind, ist die bessere (weil einfachere, nützlichere und weitreichendere) Erklärung, zumindest im nicht-philologischen Deutschunterricht.
Im weiteren Lernprozess treffen die Lerner bald auf Sätze der gesprochenen Sprache mit doppelter Vorfeldbesetzung, wobei es sich um eine Textorganisations- und Kommunikationsstrategie zur Aufmerksamkeitssteuerung handelt. Spätestens hier müsste den Lernern die "Position Null" wieder ausgeredet oder auch "Position minus1" eingeführt werden für einen Satz wie "Aber die Anja, die arbeitet morgen nicht".
2. Woher-wo-wohin... wozu das Konstrukt "Wechselpräpositionen"?
Gehen Sie zu den Doktor? Ich nicht. Ach so - "zu" gehört nicht dazu - ist es dann eine Ausnahme?
Wo finde ich den Geldautomaten? Gerade hier um der Ecke ... oder doch um die Ecke?
Den Nutzen aus der Pseudoregel "Wo mit Dativ, wohin mit Akkusativ" muss man teuer erkaufen: Zunächst muss man die Liste der sog. Wechselpräpositionen kennen, derjenigen, für die die Regel gelten soll. Danach muss man sich erinnern, dass es für andere Präpositionen nicht gilt, da diese einen "festen Kasus" haben - zumindest im Standard-Deutschen. Die Folge dieser Sichtweise (s. auch unter Fokussieren) ist, dass alle Energie auf die Speicherung und Automatisierung der Kasuszuweisungen gerichtet wird. Übungen sind dann Übungen zum "Thema" Präpositionen (anstatt zum Thema Raumbeschreibung, Wegerklärung, Termine ausmachen ...). Solche Übungen beziehen sich - nicht nur im Anfängerbereich - hartnäckig auf diesen einen kleinen Ausschnitt des Themas, die Kasusfrage. Das eigentliche sprachliche Problem der richtigen Präposition, also die Bedeutungsfrage, dagegen tritt in den Hintergrund, was dem Lernprozess schadet. Lernen muss man hier sicher die Kollokationen, was wiederum die Kasuswahl erleichtert, da diese gerade bei in, an, auf, über ... vom Verb ausgelöst wird.
Gerade dieses Gebiet ist ein Paradebeispiel für die Nützlichkeit einer Unterscheidung von Unterricht an Philologen vs. Nicht-Philologen: Letztere entnerven solche zeitaufwändigen und scheinbar irrelevanten Übungen "über etwas" meist, sie brauchen Übung "in etwas". Ihnen hilft es mehr, wenn sie den Unterschied von "in die Stadt" / "in der Stadt" über Häufigkeit korrekter Beispiele bemerken und mitlernen (oder auch nicht, was zeitsparend zum gleichen Ergebnis führt wie die ineffizienten Drillübungen zur Kasuswahl).
Zwei Verbesserungsvorschläge:
- Wenn Anfänger Präpositionen bearbeiten, ist die Lücke nicht dem Kasus (Auswahl des Artikels), sondern der Auswahl der Präposition vorbehalten, wenn es denn eine Lückenübung sein soll. Doppelte Lücken sind 3-4fache Aufgaben: (1) Auswahl der Präposition, (2) Auswahl des Kasus, (3) Entscheidung für/gegen Kontraktion (4) falls nicht vorgegeben, auch noch Artikel m/f/n. Nicht nur, dass eine so überfrachtete, dreifache Aufgabe kaum zu einem dreifachen Lerneffekt führen wird, sie richtet auch Schaden an, da der Eindruck entsteht, die falsche Präposition sei als Fehler gleichwertig mit dem falschen Kasus. Ersteres stört aber die Kommunikation stärker, kann in der Kombination "richtiger Kasus mit falscher Präposition" zu Missverständnissen führen, wenn es "gut" klingt: "Ich gehe zur Mensa.", was impliziert: "... dort jemanden treffen / etwas erledigen / jedenfalls nicht IN die Mensa."
- Ist eine Erklärung für das Phänomen "in die Stadt" vs. "in der Stadt" notwendig, hilft sie in einem größeren Kontext der Sprachbetrachtung deutlich mehr. Dieser nämlich schließt die zeitgleich im Sprachkurs bearbeiteten Position(ierung)sverben "stehen, liegen- stellen, legen") mit ein und damit das umfassendere Phänomen, dass wesentliche Unterscheidungen in der Grammatik bedeutungsbasiert sind.
Mit diesem Ansatz wird außerdem wertvolle Vorarbeit für lexikogrammatische "Dauerbrenner" geleistet. Denn in/transitive Verbpaare wie "sinken-senken, schwimmen-schwemmen" gibt es zuhauf, auch in der Form, dass die Infinitive sich gleichen ("hängen-hängen, erschrecken-erschrecken"), nicht aber die weiteren Formen des Verbs.
3. Umformungen
Mit Umformungsübungen werden v.a. fortgeschrittene Lerner "trainiert", meist in den Bereichen
Aktiv-Passiv (einschließlich dem sog. Passiversatz), Relativsätze-Partizipialattribute
und Nominalisierung-Verbalisierung.
So, wie man diese Übungen in Übungsbüchern und auf Übungsblättern gewöhnlich antrifft,
stören sie das Sprachenlernen erheblich, denn
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wenn es zwei Ausdrucksmöglichkeiten gibt, so sind diese nicht deckungsgleich - Umformen vermittelt aber genau diesen Eindruck von Beliebigkeit & Willkür und verbaut damit den Aufbau von Sprachgefühl für Differenz(ierung)en in Aussagefokussierung, Register / Stilebene, Ironie usw.
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Produktionsübungen, die ganz bestimmte Formen verlangen, führen leicht zu mechanischer Ausführung auch dort, wo es völlig absurd wird, da der Fokus gewöhnlich nicht auf Bedeutung(snuancen), Register o.ä. liegt. Aber nur dann hätten solche Übungen Sinn. Eine kurze Vorübung - etwa zur Passivfähigkeit - macht jedoch das große Manko der Mechanisierung nicht einmal ansatzweise wett.
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sie fressen Zeit und Energie auf, die für eine sinnvolle Sprachlernarbeit verloren sind.
Diese Übungen werden schon seit einiger Zeit eher verschämt eingesetzt und mit dem Feigenblatt der Einbettung in Stilurteile o.ä. Hinweise auf Bedeutungsunterschiede bzw. Verwendungsregeln "entschärft". Solange der Schwerpunkt aber letztlich beim Umformen bleibt, geht der Rest am Lerner fast spurlos vorbei.
Umformungsübungen können durch eine Vielzahl effektiverer Aufgaben ersetzt werden:
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Textbeobachtungsaufgaben - bestimmte Formen aus Texten ziehen, betrachten u. ggf. vergleichen
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"akustische" Textbeobachtung - Varianten von Sätzen anhören und sich in Unterschiede einhören - Sprechübungen dazu
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Auswahlaufgaben - konkurrierende Formen zur Auswahl --> begründen der persönlichen Auswahl
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Übersetzungsübungen - wo hat das Deutsche mehrere konkurrierende Formen, die andere Sprache weniger u. umgekehrt
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Fragen der Angemessenheit, Lesbarkeit, Verständlichkeit, Textökonomie u.ä.
Diese Übungen können sich auf Register- und Textsortenunterschiede beziehen, auf Textgrammatisches (Fokussierung), auf Stilfragen und auf regionale Vorlieben, was die Menge der möglichen Aufgaben enorm macht und den Rückgriff auf Transformationen wirklich überflüssig.