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Improvisation


Mit Improvisation im Deutschunterricht sind nicht Überlebensstrategien für unvorbereitete Stunden gemeint, sondern planvolles Aufgaben- und Unterrichtsgeschehen, das im Sprachunterricht in besonders effektiver Weise verschiedene Funktionen übernehmen kann:

Improvisationsübungen (Bsp. s.u.) sind ein geeignetes Mittel auf dem Weg zu (fremd)sprachlicher Sprachhandlungskompetenz, da

für die tatsächliche alltägliche Wirklichkeitsbewältigung unverzichtbare Grundlage sind.

Mit Improvisationsaufgaben verbessert sich im Unterrichtsgeschehen auch die Vielfalt der Sprachhandlungsmuster von Schüleräußerungen, insofern Schüler hier weniger als in anderen Unterrichtsformen aufs Antworten oder andere "kleine Formen" beschränkt bleiben.
Außerdem fördern Improvisationsübungen das initiativ-produktive freie Sprechen (ggf. auch Schreiben), sind besonders für funktionalen Einsatz von Sprache (sinn- und zweckgebunden) geeignet und machen Unterricht "aufforderungsstark", insofern die Aufgaben stets eine Herausforderung an alle Schüler bedeuten.

Improvisationsaufgaben bieten wirklich offene Lösungsmöglichkeiten. Ihr Ausgang ist nicht planbar und soll auch nicht geplant werden (sonst wären es wieder geschlossenere Aufgaben wie etwa Rollenspiele oder Simulationen). Sie geben situationsgebundene Impulse, die sich fast beliebig entwickeln können.

Improvisationsaufgaben arbeiten besonders am Automatisierungsgrad sprachlicher Abläufe. Das bedeutet, dass komplexe Verarbeitungsmechanismen auch ganzheitlich trainiert werden. Dabei fallen die Schüleräußerungen - aufgrund der anfänglichen Überlastung des "Arbeitsspeichers" zunächst hinter ihre eigentlich schon erreichten Fähigkeiten bezüglich Komplexität und Korrektheit zurück. Dafür wird aber etwas ganz anderes trainiert, eben die Automatisierung bestimmter Abläufe und damit langfristig die Entlastung des "Arbeitsspeichers".
Improvisationsübungen stärken auch das Selbstbewusstsein der Schüler und ihre Fähigkeit zur sprachlichen Selbstbehauptung.

Improvisationsaufgaben sind durch ihre Geschwindigkeit stark sinn- bzw. inhaltsbezogen, d.h. die Schüler äußern sich nach einiger Übung in solchen Aufgaben frei von Fehlerangst (dafür bleibt keine Zeit mehr). Durch ihren hohen Spaßfaktor (der neben der Geschwindigkeit, der relativen Freiheit, dem "positiven Stress" und dem Spielcharakter auch durch die vielen Überraschungsmomente bedingt ist) haben diese Aufgaben einen Belohnungs- und damit Motivationsteil quasi schon eingebaut.

Improvisationsaufgaben im Sprachunterricht erhöhen - zunächst im Spiel - die Risikobereitschaft der Schüler, insofern die Konzentration auf Geschwindigkeit andere Bereiche in den Hintergrund drängt. Dabei wird zugleich die "Intuition" aufgewertet (und geübt), was wiederum positiv aufs (sprachliche) Selbstbewusstsein der Schüler wirkt.


Aufgabenbeispiele:

1. Einfachste Automatisierungsübungen im Anfängerunterricht, in denen v.a. die Hemmung zu direktem, lautem, schnellem Sprechen in der Zielsprache abgebaut werden soll:

Polizeispiel (wenige Minuten - Lockerung): Ein Partner schleudert dem andern die Kategorien "Name", "Vorname", "Geburtstag", "Straße" ... ins Gesicht - der andere schleudert direkt die Antworten zurück, idealerweise beginnt der Antwortende noch während der Fragende spricht. Das Spiel ist geeignet a.) für Sprachanfänger, b.) als Lockerung vor weiteren Improvisationsübungen.

Assoziationenspiel (einzubetten in ein Thema; Spiel 5-10 Minuten, Auswertung anschließend themenabhängig): Ein Partner (oder der Lehrer) hat eine Wortliste, die verlesen wird. Der andere (oder jeder) muss nun zu jedem Wort ohne nachzudenken eine Assoziation nennen.
Variante mündlich: Ein Partner gibt das Wort von der Liste vor, zählt innerlich auf 3 und gibt das nächste Wort vor usw. Der andere muss nun nach jedem gehörten Wort ein "Assoziationswort" dazu sagen; ist er nicht schnell genug, wird er vom nächsten Wort "überholt". (Evtl. kann man eine 3. Person dazu nehmen, die die Liste vorliegen hat und hinter jedem Wort eine Lücke, in die sie die gesagten Wörter notiert, damit die Auswertung, wenn sie auf den Wörtern basieren soll und nicht auf dem Erlebnis, stattfinden kann). Wichtig ist, dass dann ein Rollentausch geschieht, damit alle Schüler die Aufgabe erleben.
Variante schriftlich: Der Lehrer (oder ein Partner) liest die Wörter von der Liste vor (nun innerlich auf 5 zählen). Der andere bzw. die Klasse hat ein Blatt vorliegen (nummeriert) mit Lücken, auf das die Assoziationswörter notiert werden.
Auswertung: Je nachdem, ob es um ein Sachthema, ein erlebnisorientiertes Spiel oder eine persönliche Erkenntnis geht, kann die anschließende Besprechung natürlich sehr verschieden ausfallen. Im Beispiel geht es darum, über "Lerntypen" nachzudenken und zu überlegen ob und wie weit man evtl. bevorzugte Lernkanäle hat. Das Beispiel hat keinerlei Anspruch auf wissenschaftliche Wahrheit - vielmehr ist es ein amüsantes und kontroverses Diskussionsthema.

2. Sprechunterricht

Satzanfänge: Schülergruppen (3-5) haben je eine andere Bildvorlage (oder Geschichte), zu der sie einige Sätze formulieren. Nachdem dies geschehen ist, verliest jede Gruppe von jedem Satz die erste Hälfte - ein oder mehere andere sollen den Satz zuende führen, wofür es nur dann Punkte gibt, wenn es innerhalb einer knapp bemessenen Zeit erfolgt (Richtigkeit spielt dabei keine Rolle!). Gut geeignet für den Zeitdruck ist die Stoppuhr aus Tabu-Spielen. (Mündlich gibt es mehr Gaudi, geht aber auch schriftlich, falls Auswertungen nötig). Der Spaß besteht darin, dass die Weiterformulierungen, da sie ja nicht auf der gleichen Materialbasis geschehen, zu einer Verfremdung führen, aber auch "Volltreffer" dabei sind. Man kann das Ganze auch aufnehmen und dann, nach "Veröffentlichung" des Bildes oder der Geschichte, die den Satzanfängen zugrunde lagen, noch einmal hören.

Geschichtenanfänge: Ähnlich wie oben durchführbar: Gruppen arbeiten zunächst die Vorlagen aus, die sie dann zur Hälfte erzählen ... Die Geschichten müssen dabei "Miniaturen" sein.
Variante: Lehrer gibt einen Geschichtenanfang vor (von Märchen-Stil bis Zeitungsbericht), mehrere ausgeloste Schüler müssen nun in der Reihenfolge ihrer Losnummern jeweils einen weiteren Schritt der Geschichte anfügen.

Bildgeschichten: Bildimpulse - einzelne Bilder oder Bilderfolgen - eignen sich sehr, um spontanes, monologisches Sprechen auszulösen. Es macht dabei viel aus, wieviel Mühe man sich mit der "Inszenierung" der Bilder gibt: z.B. Bilder an der Wand oder Tafel aufhängen, aber zunächst mit einem "Vorhang" bedecken und erst direkt vor dem Sprechen - 10-9-8 ... enthüllen.

Powerpoint-Karaoke: Mit älteren Jugendlichen und Erwachsenen ist dies eine nette Unterhaltung. Eine (beliebige, zufällig gegooglte oder sonst mitgebrachte) Powerpointpräsentation wird vorgeführt und ein oder mehrere Teilnehmer sprechen spontan zu den Folien (z.B. 1.5 Minuten pro Folie). Wird quasi zwangsläufig zur Parodie (weshalb das zugrundeliegende Genre, etwa der Fachvortrag, die Werbeveranstaltung oder die Coaching-Situation, für die die Präsentation ursprünglich gedacht war, zumindest ungefähr bekannt sein sollte).

Stegreifs:
Statements zu einem Thema oder anderen Impulsen abgeben. Die Gruppe wird in zwei Lager geteilt (auf gegenüberliegenen Seiten des Klassenraums aufgestellt). Jede Hälfte vertritt einen bestimmten Standpunkt und bekommt abwechselnd für je eine Person je 30Sek. Redezeit. Die Diskussionsbeiträge müssen "atemlos / ohne Punkt und Komma" vorgetragen werden, notfalls mit Füllern wie hm und ähhh. Wenn die Zeit um ist, darf die Gegenseite einen Redner ins Rennen schicken. Falls eine Pause von über einer Sekunde (2 Sek.) entsteht, fällt die verbleibende Zeit des Redners der Gegengruppe zu. Tritt dieser Fall ein, muss aus der anderen Gruppe sofort ein Redebeitrag einsetzen, weshalb eine Rednerliste vorher abzuklären ist. (Das Ganze wird gelegentlich tumultartig :)).
Variante Standpunkte beziehen: Man kann diese Improvisatione noch ausbauen, indem "überzeugte" Gruppenmitglieder die Seiten wechseln dürfen.
Bewunderung für eine Person, Sache, einen Gegenstand o.Ä.: Etwas soll überschwänglich gepriesen werden, jeder hat dafür 15 Sek. Zeit - die schönste/beste Anpreisung wird ausgezeichnet. (Geht auch mit Anzweiflung, Ablehnung ... was aber vorsichtiger zu handhaben ist).

Szenerien aus einigen Gegenständen und kurzer Erklärung zu "wann, wo, was" können im Kursraum aufgebaut werden. In diese Szenerie werden nun "Protagonisten" gestellt, die ohne weitere Vorgaben ein kurzes "Stück" aufführen. Die Gegenstände können dabei suggestiv (ein rosa Brief, ein Geschenkpäcken, ein verlorener Geldbeutel) sein, aber auch praktisch (eine CD, ein Schlüssel ...), zum vorgegebenen Platz passend (wenn es im Bahnhof ist ein Mülleimer, eine Bank, ein Fahrplan) oder eher absurd (ein Apfel, ein Teddy, ein schwer definierbares Objekt).

3. Schreibunterricht

Im Schreibunterricht lassen sich ähnliche Impulse verwenden, wobei natürlich der Zeitfaktor anders bemessen sein muss. Schöne Anregungen gibt es hierfür - im Gegensatz zur Improvisaton im Sprechunterricht - in vielen Büchern und Aufsätzen zum Kreativen Schreiben.